Wenn sich über Norditalien und dem westlichen Mittelmeer feuchte Luft sammelt und mit südlicher bis südwestlicher Strömung gegen die Alpen geführt wird, kann sich das Wetter im Tessin innerhalb weniger Stunden grundlegend verändern. Aus einer milden Südströmung wird dann eine klassische Südstaulage: Die Luft wird am Alpensüdhang zum Aufsteigen gezwungen, kühlt sich ab, Wasserdampf kondensiert – und Regen oder Schnee kann über viele Stunden hinweg immer wieder nachgeliefert werden.
Genau darin liegt der Schlüssel, weshalb im Tessin bei Südstau oft deutlich grössere Niederschlagsmengen zusammenkommen als im inneralpinen Wallis. Das gilt allerdings nicht für das ganze Wallis gleichermassen: Das Simplongebiet und Teile des südlichen Oberwallis liegen ebenfalls direkt im Einflussbereich des Südstaues und können bei passenden Lagen enorme Mengen erhalten.
Die Alpen wirken wie eine riesige Staumauer
Bei einer ausgeprägten Süd- oder Südwestströmung gelangt feuchte Luft aus dem Mittelmeerraum und der Poebene an die Alpensüdseite. Die Tessiner Berge stehen dieser Strömung quer entgegen. Die Luft kann nicht einfach durch das Gebirge hindurchströmen und wird deshalb gehoben. Mit zunehmender Höhe sinkt die Temperatur der Luft, die relative Feuchtigkeit steigt und es bilden sich dichte Wolken sowie anhaltender Niederschlag.
MeteoSchweiz beschreibt typische Südföhnlagen genau mit diesem Gegensatz: Südlich des Alpenkamms herrscht bei kräftigem Südföhn oft ausgesprochen schlechtes Wetter mit tiefen Wolkenuntergrenzen und intensivem Niederschlag, während sich nördlich des Alpenkamms in absinkender Luft ein Föhnfenster bilden kann. Das Zentralwallis kann dabei teilweise im trockeneren Bereich liegen.
- Westliches und nördliches Tessin: direkter Feuchtenachschub und starke Hebung am Alpensüdhang können Niederschlag über Stunden verstärken.
- Bedrettotal: bei ausreichend tiefer Schneefallgrenze sind grosse Neuschneemengen möglich; im März 2026 wurden in Mott auf rund 1500 m etwa 90 cm in einem Tag beobachtet.
- Zentralwallis: liegt inneralpin und ist bei vielen Südlagen teilweise abgeschirmt; deshalb kann dort wesentlich weniger ankommen.
- Simplon und südliches Oberwallis: wichtige Ausnahme – diese Regionen können bei Südstau ebenso extreme Mengen erhalten wie das Tessin.
Warum das Zentralwallis oft trockener bleibt
Das Wallis ist kein einheitlicher Niederschlagsraum. Das Rhonetal ist von hohen Bergketten umgeben und zählt klimatisch zu den ausgeprägten inneralpinen Trockengebieten. Ein grosser Teil der Feuchtigkeit wird bereits an vorgelagerten Gebirgskämmen ausgepresst. Je nach Windrichtung entstehen zusätzlich lokale Lee-Effekte. Deshalb kann es im Tessin stundenlang stark regnen oder schneien, während im Zentralwallis deutlich weniger fällt.
Das bedeutet aber nicht, dass «Tessin gegen Wallis» immer eindeutig ausgeht. Besonders das Simplongebiet, Binn und Teile des südlichen Oberwallis liegen sehr nahe am Alpenhauptkamm und sind nach Süden geöffnet. Dort greift eine kräftige Südströmung direkt über den Kamm. Diese Regionen gehören bei klassischen Südstauereignissen regelmässig zu den Schweizer Niederschlags-Hotspots.
Ein Extrembeispiel: 421 Millimeter in einem Tag im westlichen Tessin
Wie gewaltig der Staueffekt werden kann, zeigte der 2. Oktober 2020. Eine kräftige Südwestströmung führte sehr feuchte Luft vom Mittelmeer an die Alpen. Auf der Alpensüdseite und entlang des westlichen und zentralen Alpenhauptkamms fielen verbreitet 100 bis 250 Millimeter innerhalb eines Tages. Im westlichen Tessin wurden lokal Werte um 400 Millimeter gemessen. Camèdo erreichte 421 Millimeter.
Das Oberwallis blieb bei diesem Ereignis keineswegs trocken: Binn registrierte 259 Millimeter und stellte damit einen neuen Tagesrekord seiner langjährigen Messreihe auf. Gerade dieses Ereignis zeigt die räumliche Logik perfekt: Die grössten Mengen lagen im Südstaugebiet zwischen westlichem Tessin, Simplon und angrenzendem Alpenhauptkamm – während weiter inneralpin deutlich weniger fallen kann.
Bei kalter Luft wird aus Regen sehr schnell eine Schneemaschine
Für Schnee braucht es neben Feuchtigkeit eine ausreichend tiefe Schneefallgrenze. Trifft eine feuchte Südströmung auf kalte Luft über den Alpen, können dieselben Prozesse, die im Tiefland Starkregen bringen, in den höheren Tessiner Tälern grosse Neuschneemengen erzeugen. Entscheidend sind dabei Temperaturprofil, Intensität des Niederschlags und Höhenlage.
Das Bedrettotal ist für solche Situationen besonders exponiert. Das Tal liegt hoch, öffnet sich zum Alpenhauptkamm und befindet sich in einem Bereich, in den die feuchte Südströmung direkt hineinläuft. Bei kräftigem Niederschlag kann zudem die Schneefallgrenze durch Verdunstungs- und Schmelzkühlung sinken. Dadurch kann Schnee zeitweise tiefer fallen, als es die Lufttemperatur in einer groben Höhenprognose zunächst vermuten liesse.
März 2026: Tessin und Oberwallis gleichzeitig tief verschneit
Ein sehr anschauliches aktuelles Beispiel lieferte das Wochenende vom 14. und 15. März 2026. Laut WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung fielen am Oberwalliser Alpenhauptkamm und im westlichen Tessin 90 bis 120 Zentimeter Neuschnee. In Mott im Bedrettotal auf rund 1500 Metern wurden innerhalb eines Tages rund 90 Zentimeter beobachtet. Gleichzeitig kamen in Ried-Brig im Wallis auf nur etwa 1060 Metern 78 Zentimeter zusammen.
Damit wird auch eine verbreitete Fehlvorstellung korrigiert: Bei Südstau ist nicht automatisch das gesamte Tessin schneereicher als das gesamte Wallis. Vielmehr entscheidet die genaue Lage zur Strömung. Das westliche Tessin, Bedretto und die südlich exponierten Gebiete am Alpenhauptkamm gehören zu den bevorzugten Stauregionen. Im Wallis gilt Ähnliches für Simplon, Binn und angrenzende Teile des Oberwallis. Das Zentralwallis kann gleichzeitig wesentlich trockener bleiben.
Warum die Mengen im Tessin trotzdem so oft spektakulär wirken
Das Tessin hat bei Südlagen zwei entscheidende Vorteile für hohe Niederschlagsmengen: Es liegt näher an der Feuchtequelle südlich der Alpen und die südexponierten Gebirgshänge zwingen die Luft früh und stark zum Aufsteigen. Bleibt die Strömung über viele Stunden aus einer ähnlichen Richtung bestehen, wird ständig neue feuchte Luft nachgeführt. Dieser sogenannte orographische Dauerstau kann aus mässigem Regen einen lang anhaltenden Starkniederschlag machen.
Hinzu kommt, dass das Niederschlagsklima südlich der Alpen grundsätzlich anders aufgebaut ist als im trockenen Zentralwallis. MeteoSchweiz zeigte beispielsweise für Oktober 2022 eindrücklich den Unterschied: Locarno Monti erhielt 214 Millimeter Monatsniederschlag, während Zermatt 107 Millimeter registrierte. In Zermatt waren diese 107 Millimeter bereits rund 190 Prozent der dortigen Norm, in Locarno entsprachen 214 Millimeter ungefähr einer normalen Oktobermenge. Prozentwerte allein können deshalb die tatsächlichen Mengen zwischen den Regionen stark verschleiern.
Südstau ist nicht automatisch ein Unwetter
Eine Südstaulage beschreibt zunächst nur den meteorologischen Mechanismus. Ob daraus ein Unwetter entsteht, hängt von Dauer, Feuchtegehalt, Temperatur, Wind und Intensität des Niederschlags ab. Erst wenn bestimmte Warnschwellen erreicht oder voraussichtlich überschritten werden, geben MeteoSchweiz und weitere Behörden entsprechende Warnungen heraus.
Für die Bevölkerung im Tessin ist deshalb vor allem die Dauer wichtig. Mehrere Stunden kräftiger Regen können Bäche rasch anschwellen lassen, während im Winter grosse Neuschneemengen die Lawinengefahr erhöhen und Verkehrsverbindungen in höheren Tälern beeinträchtigen können. Gerade im Bedretto, im oberen Maggiatal und entlang des Alpenhauptkamms lohnt sich bei angekündigtem Südstau ein genauer Blick auf die offiziellen Niederschlags-, Schnee- und Lawinenprognosen.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht an einer Kantonsgrenze
Der Vergleich zwischen Tessin und Wallis funktioniert meteorologisch nur, wenn man die Gebirgsstruktur berücksichtigt. Das Tessin liegt grossflächig auf der direkten Luvseite einer Südströmung. Das Zentralwallis liegt dagegen geschützt hinter hohen Bergketten. Das südliche Oberwallis am Simplon und in der Region Binn befindet sich wiederum direkt in der Übergangszone zum Stau und kann deshalb ähnlich grosse oder bei einzelnen Ereignissen sogar grössere Mengen als Teile des Tessins erhalten.
Darum ist die präziseste Antwort: Ja, bei klassischem Südstau fällt im Tessin oft deutlich mehr Regen und in höheren Lagen mehr Schnee als im inneren Wallis. Doch das südliche Oberwallis ist keine trockene Gegenwelt – Simplon und Binn gehören bei Südströmungen selbst zu den extremsten Staulagen der Schweiz.
